Der Umfang der benötigten Daten für einen individuellen Versicherungsschutz wird immer grösser, insbesondere im Industrie- und Gewerbebereich sowie in den kollektiven Vorsorgesparten.

Die Frage dabei ist: Wem gehören die erhobenen Daten?
Und die noch wichtigere Frage: Wer hat wann Zugriff auf die Daten?

Der nachfolgende Beitrag ist keine rechtliche Betrachtung, sondern zeigt die Veränderung im Versicherungs- und Vermittlermarkt auf, die grundsätzlicher geschäftspolitischer Entscheidungen aller Beteiligter, Versicherer, Vermittler und Kunden, bedürfen. Daten sind (auch) im Versicherungsmarkt die Grundlage eines funktionierenden Geschäftsmodells. Sie haben einen Wert an sich. Und der wettbewerbsintensive Markt führt dazu, dass erste Beteiligte bestimmte Daten nicht mehr kostenfrei teilen wollen.

Bisheriger Umgang mit Daten

Grundsätzlich fordert der Versicherer die Daten für eine Kalkulation und den anschliessenden Versicherungsschutz an und hat somit ein Recht während des Versicherungsverhältnisses, diese zu nutzen. Veränderungen am versicherten Umfang, z. B. bei Flottenversicherungen, im Immobilienportfolio oder der Anzahl und dem Umfang der versicherten Personen, sind dem Versicherer ebenso wie die Schaden- und Leistungsfälle mitzuteilen. Der Vermittler hat während eines aktiven Kundenmandats das Recht einzelne Daten aus dem Versicherungsverhältnis zu erfragen. Selbstverständlich kann auch der Kunde die Versicherungsdaten (erneut) beim Versicherer erfragen. Dann hört aber meistens das gemeinsame Verständnis auf.

Was wurde bisher nicht geregelt?

Sowohl gängige Vermittlervereinbarungen als auch Versicherungspolicen regeln nicht, welche Daten genau der Vermittler und der Kunde vom Versicherer erhalten können, in welcher Form (Papier oder Datei), in welchem Datenformat (XML, Excel etc.), über welche Schnittstelle (Vermittlerportale, Datenlieferung etc.), für welchen Zeitraum (historische Datenbestände) und wie lange die Daten genutzt werden können (Datenaufbewahrung, Datenschutz etc.).

Der Streit ist vorprogrammiert

Bisher sind es Vermittler gewohnt, dass sie beim Versicherer Bestandsdaten und Schadenverläufe der vergangenen Jahre erhalten können, um diese für alternative Angebote oder neue Ausschreibungen zu verwenden. Rechtlich ist die Datenlieferung des Versicherers im Rahmen eines Kundenmandates nicht zu beanstanden. Jedoch gibt es in dem meisten Fällen keine rechtliche Grundlage auf der Vermittler die von ihnen gewünschten Daten in vollem Umfang verlangen können. Ebenso verhält es sich, wenn der Versicherer direkt mit dem Kunden in Kontakt steht.

Die meisten Vermittler erfassen die grundlegenden Versicherungsdaten ihrer Kunden selbst. Historische Bestände sowie Schaden- und Leistungsverläufe in digitaler Form werden jedoch bislang kaum von Vermittlern erfasst. Der Umfang der Daten ist somit fast nie ausreichend, um ohne Daten des Versicherers ein adäquates alternatives Angebot einzuholen.
Erste Versicherer haben in bestimmten Sparten angefangen, bestimmte Auswertungen zu Schadenfällen nicht mehr zur Verfügung zu stellen, da sie wissen, dass die Daten für ein Alternativangebot genutzt werden.
Natürlich hängt es von den einzelnen Umständen ab, ob und wie weit Vermittler weiterhin Zugriff auf die Daten ermöglicht wird, z. B. Umfang und Anzahl der Deckungen des Versicherers beim betreffenden Kunden oder Umfang und Anzahl der Deckungen des Vermittlers insgesamt beim Versicherer.

Was ändert sich?

Durch den intensiven Wettbewerb und der Möglichkeit zur Umdeckung sehen sich die Versicherer gezwungen die bisher kostenfrei zur Verfügung gestellten Daten (teilweise) als ihr Eigentum zu betrachten und nicht bzw. nicht (mehr) kostenfrei herauszugeben. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

In einer Versicherungswelt, in der Versicherungsschutz und die Dienstleistungen der Versicherer und Vermittler zunehmend modular aufgebaut sind, werden auch die Versicherungsdaten ein gesondert (modularer) auszuhandelnder Vertragsbestandteil zwischen Versicherer, Vermittler und Kunde werden.

Was sind die Konsequenzen …

… für Kunden

Kunden wollen einen passenden Versicherungsschutz, eine möglichst einfache und reibungslose (Daten-)Kommunikation mit dem Versicherer oder Vermittler und flexibel auf Veränderungen reagieren können. Die Aufbewahrung von Schaden- und Leistungsfällen sowie der fortlaufenden Veränderungen des Versicherungsschutzes gehören definitiv nicht zum gewünschten Tätigkeitsumfang eines Kunden. Entsprechend wird bei zukünftigen Ausschreibungen der Vermittlermandate und bei den Versicherungsdeckungen das Thema Datenhaltung und Datenzugriff eine stärkere Bedeutung für die Kunden gewinnen.

… für Vermittler

Je nach Marktstärke werden einige Vermittler auch weiterhin Zugang zu den benötigten Daten direkt vom Versicherer erhalten. Der künftige Zugang zu Versicherungsdaten bedarf jedoch einer Regelung zwischen Vermittler und Versicherer, am besten in der Vermittlervereinbarung, ansonsten individuell für bestimmte Verträge – was jedoch weiteren technischen und administrativen Aufwand nach sich zieht. Neben dem Zugang zu Daten bedarf es einer Regelung, wann (in welchen Abständen) und wie (Datenformat) die Daten zur Verfügung gestellt werden. Dennoch werden Vermittler selbst mehr Daten erfassen müssen, um nicht (mehr) von Versicherern abhängig zu sein bzw. zu werden. Dass die IT ein Schlüsselfaktor für erfolgreiche Vermittler darstellt, ist bereits bekannt. Dieser Trend wird sich bei dieser Entwicklung weiter verstärken, denn der Umfang und der Inhalt der Daten sind in den einzelnen Versicherungssparten sehr unterschiedlich.

… für Versicherer

Für die Versicherer ist die Nutzung der Daten als preisrelevanter Teil des Versicherungsvertrages der nächste Schritt in der Modularisierung der Versicherungswirtschaft (Beratung, Betreuung, Bestandsführung und Datenhaltung, Auswertung, Schaden- und Leistungsbearbeitung etc.). Kurzfristig hilft die Zurückhaltung von Daten weitere Abgänge von Verträgen zu stoppen oder zu verlangsamen. Ob und wie die Vermittler technisch den grossen Datenvorsprung der Versicherer einholen können, werden die kommenden Jahre zeigen.
Die Versicherer sollten die (Zurückhaltung der) Daten jedoch nicht nur zur Abwehr von Bestandsabgängen nutzen, sondern im Gegenteil die Auswertung und Nutzung der Daten intensivieren. Dazu müssen jedoch die technische Erfassung und Speicherung aller relevanten Daten für die Kalkulation ausgebaut werden. Dies erfordert eine flexible Anpassung des Datenmodells an zukünftige Daten, die heute noch gar nicht absehbar sind. Nur technisch erhobene Daten können ausgewertet werden, um die Kalkulationsgrundlagen zu verfeinern und die Kenntnisse über Branche, Länder oder Sparten zu erweitern.

Daten sind Macht – auch in der Versicherungswirtschaft. Wer weiterhin erfolgreich bestehen will, muss rechtzeitig sein Geschäftsmodell überprüfen und seine Prozesse anpassen.